Die Große Fastenzeit umfasst die Vierzig Tage, zwei Feste – den Lazarus-Samstag und den Palmsonntag – und die Karwoche. Insgesamt dauert sie 48 Tage. Sie heißt Große Fastenzeit, nicht nur wegen ihrer Länge (sie ist länger als alle anderen Fastenzeiten), sondern auch wegen der großen Bedeutung dieser Fastenzeit im religiösen Leben des Christen.

 

Am “Sonntag der Vertreibung des Adam” auch “Sonntag des Verzeihens” oder “Sonntag des Käseverzichtes” genannt, wird aus dem Evangelium die Stelle über die Verzeihung der Sünden und über das Fasten gelesen. Die Vertreibung Adams aus dem Paradies wird in vielen gottesdienstlichen Texten in Erinnerung gerufen. Am Abend versammeln sich alle in der Kirche zum Ritus des Verzeihens. Diese Vesper wird bereits als Fastengottesdienst gehalten, das liturgische Gewand ist schwarz, es werden Kniefälle (zemnye poklony) gemacht und Bußlieder gesungen. Am Ende des Gottesdienstes wird über das Verzeihen der Sünden und Kränkungen und über das Fasten gepredigt und ein Segensgebet für die Große Fastenzeit gelesen. Die Geistlichen, vom Vorsteher beginnend, bitten die Gläubigen und einander um Verzeihung. Danach gehen alle der Reihe nach zu den Priestern, verbeugen sich, bitten um Verzeihung und verzeihen ihrerseits alle Sünden und Kränkungen. Dabei küssen sie das Kreuz und das Evangeliar, als Zeichen der Ehrlichkeit ihrer Worte. Genauso bitten auch die Gläubigen einander um Verzeihung. Dieses gegenseitige Verzeihen der Kränkungen ist eine unumgängliche Bedingung für die Reinigung des Herzens und ein erfolgreiches Fasten.

 

Die Große Fastenzeit unterscheidet sich von allen anderen durch besondere Gottesdienste.

 

Erstens wird am Montag, Dienstag und Donnerstag keine Liturgie gefeiert (Ausnahme ist das Fest Mariä Verkündigung); am Mittwoch und Freitag wird die Liturgie der vorgeweihten Gaben zelebriert, am Samstag die Liturgie des hl. Johannes Chrysostomus und am Sonntag die Liturgie des hl. Basileios des Großen.

 

Zweitens wird der Umfang der Texte in den Gottesdiensten größer, es werden viele Psalmen gelesen, es wird weniger gesungen.

 

Drittens wird das Gebet des heiligen Ephräm des Syrers mit 16 großen und kleinen Verbeugungen gelesen. Die Gottesdienste werden noch durch besondere Gebete erweitert, bei denen man sich verbeugt oder kniet.

 

Alle diese Unterschiede charakterisieren die geistliche Atmosphäre der Fastenzeit, die es im Rest des Jahres nicht gibt. Orthodoxe Christen gehen öfter als sonst in die Kirche, um diese besonderen Gottesdienste nicht zu versäumen.

 


Weihnachtsfasten: 

 

Die zweitlängste Fastenzeit nach dem Osterfasten ist das Fasten zu Weihnachten. Sie währt auch 40 Tage, ist aber nicht so streng wie das Osterfasten. Sie fängt am 15. (28.) November an und endet am 24. Dezember (6. Jänner).

 

Bis zur Hälfte des 4. Jahrhunderts feierte die Kirche des Ostens die Geburt und Taufe Christi zusammen an ein und demselben Tag, den 6. Jänner (wie es noch heute in der Armenischen Kirche üblich ist). Weihnachten als gesondertes Fest, das am 25. Dezember (7. Jänner) gefeiert wird, wurde im Osten vom Westen zum Ende des 4. Jahrhunderts übernommen.

 

Der heilige Johannes Chrysostomos, der als erster vom Fest der Weihnacht spricht, nennt es "Metropole aller Feste".

Mit der Teilung und Festlegung der drei Feste, der Geburt am 25. Dezember, der Beschneidung am 1. Jänner und der Taufe am 6. Jänner bildete sich auch das sog. Dodekahemeron ("Zwölftäger"), also die Festperiode vom 25. Dezember bis zum 6. Jänner.

 

Die große Bedeutung, die Weihnachten mit der Zeit im Bewusstsein der Kirche erlangte, und die Ehrfurcht der Glaubenden und insbesondere der Mönche, bildeten die Grundlage zur Festlegung der Fastenszeit vor Weihnachten. Dies wurde sicher auch von der Großen Fastenzeit vor Ostern beeinflusst.

 

Genau wie das Fest, so erschien das Fasten als Vorbereitung zur Geburt des Erlösers zuerst im Westen, wo es als Tessarakoste ("Vierzigtäger") des Hl. Martinos genannt wurde, weil es mit dem Namenstag dieses Heiligen der westlichen Kirche anfing. Das gleiche wiederholte sich auch bei uns, wo viele das Weihnachtsfasten als "des Hl.Philipps" bezeichnen, anscheinend weil es am Tag nach dem Gedenktag des Apostels anfängt.

Die ersten historischen Bezeugungen, die wir zum Weihnachtsfasten haben, reichen für den Westen bis ins 5. und für den Osten bis ins 6. Jahrhundet zurück. Von den östlichen Autoren werden Anastasios Sinaitis, der Patriarch Konstantinopels Nikiphoros Homologet, der Hl. Theodoros Stouditis und auch der Patriarch Antiochiens, Theodoros Valsamon, genannt.

 

Am Anfang, wie es scheint, war die Fastenzeit kurz. Theodoros Valsamon, der um das 12. Jahrhunder schreibt - und sich wohl auf die Ausführung in seiner Zeit bezieht - spricht von "siebentägig". Aber unter dem Einfluss des Fastens der Großen Tessarakoste (Ostern) wurde sie auch auf 40 Tage erweitert, ohne jedoch die Strenge zu erlangen.

 

Wie haben wir zu fasten?

Über die gesamte Dauer der 40 Tage essen wir kein Fleisch, Milchprodukte und Eier. Jedoch ist der Verzehr von Fisch an allen Tagen - außer mittwochs und freitags - vom 15. (27.) November bis zum 17. (30.) Dezember erlaubt. Fisch essen wir auch am Tag des Tempelgangs der Gottesgebärerin (21. November / 4. Dezember), an welchem Tag dieses Fest auch immer stattfindet. Vom 18. Dezember bis zum 24. Dezember, Vortag des Festes, ist nur Wein und Öl erlaubt - außer natürlich mittwochs und freitags. Ebenfalls ohne Öl fasten wir am ersten Tag der Fastenzeit, am 15. / 27. November, genau wie am Vortag des Weihnachtstages, außer diese fallen auf einen Samstag oder Sonntag.